Die Crew

 

 

 

 

Jörg und Claudia im Regenwald von Dominica

Mai 2009

Jörg Fischer (Skipper) über sich :

Berufliches und Persönliches ...(Eintrag 2006)

geboren 1950, also derzeit nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht wirklich alt. Die Kindheit verlebte ich in Schaffhausen, nur halbglücklich, jedenfalls derart beengt, dass ich mich in den Gymnasialjahren entschloss, zu grossen Befreiungsschlägen auszuholen. In den wilden 68 er Jahren begann ich deshalb mein Medizinstudium in Zürich und schloss es auch bereits 1976 erfolgreich ab. Danach folgten arbeitsintensive Assistenz- und Oberarztjahre, welche schliesslich darin gipfelten, dass ich bereits 1983, im zarten Alter von 33 Jahren den Facharzttitel für Gynäkologie und Geburthilfe errungen hatte. Gleichzeitig war ich berufen worden, die Leitung dieses Fachgebietes am Kreisspital Rüti im Zürcher Oberland zu übernehmen. Die nachfolgenden 15 Berufsjahre waren überaus hektisch und fordernd  und, dies sei ebenfalls nicht verschwiegen, einträglich. Solche Berufe enden in der Monomanie. Tief in mir wuchs zunehmend die Überzeugung, nicht das ganze Leben das Gleiche zu tun, auch wenn man es ausserordentlich gut kann! Meine  Zweifel erhielten Nahrung durch den unsäglichen Entschluss einer Regierungsrätin in Zürich, unser Spital zu schliessen. Für meine berufliche Motivation war dies der Dolchstoss. Ich begann jedoch zu begreifen, dass auch die nachfolgenden gesundheitspolitischen Reformen nicht wirklich der Sache zu dienen hatten, sondern den Politikern, vor allem in Wahljahren. In diesen Erfolgs- und Krisenjahren blieb vieles auf der Strecke, was auch dazu beitrug, dass meine Ehe in einer Scheidung endete. Wir hatten zu den meisten Lebensfragen inzwischen unterschiedliche Antworten gefunden. Die nachfolgende, ungerechtfertigte Entfremdung von unseren drei mittlerweile erwachsenen Kindern war wohl die härteste Prüfung meines bisherigen Lebens. Ich hatte jedoch das grosse Glück, mit einer neuen Partnerin einen gemeinsamen Boden unter die Füsse zu bekommen, nämlich das schwankende Schiff, welches uns um die Erde tragen wird.

 

und Seglerisches....(Eintrag 2006)

schon in der Kindheit viel am und im Wasser eiferte ich meinem Vater nach, welcher in den Nachkriegsjahren Pioniermitglied des Kanuklubs Schaffhausen war. In den Gymnasialjahren musste ich vermutlich viel Frust mit Sport kompensieren und trainierte so viel, dass ich im Regattakajak einige Juniorenmeistertitel und sonstige Medaillen nach Hause getragen hatte. Ich war aber auf die Länge zu faul, um weiter das Wasser mit dem Paddel aufzurühren und schielte bald einmal nach den Seglern, welche so elegant und lautlos durchs Wasser glitten, dass ich vor Neid grün im Gesicht hätte werden können. Mit 18 hatte ich eine ganze Saison die Gelegenheit, das Handwerk eines Vorschoters auf einem "Flying Dutchman", der damals schnellsten Segeljolle, zu erlernen. Diese Trainingsfahrten und Regatten waren für mich eine Offenbarung und das Segelvirus hatte mich befallen. Kurz darauf kaufte ich ein eigenes "Finn Dinghi" und mischte während der folgenden 12 Jahre auf nationalen und internationalen Wettkämpfen mit. Ich hatte vermutlich einiges Talent, aber nebst meiner beruflichen Belastung reichte auch das Engagement nicht aus, um neben den wirklichen Cracks zu bestehen. Wenn ich in letzter Minute auf einem Regattaplatz irgendwo in Europa anreiste, übermüdet von der langen Fahrt und den vorherigen Nachtdiensten, waren die wirklichen Profis jeweils schon eine Woche im Revier am trainieren. Derart lassen sich keine grossen Rennen gewinnen und ich segelte meist in der zweiten Reihe, eher als Sparringpartner der ganz Grossen. Ich habe aber in jenen Jahren das Wesen des schnellen Segelns begriffen und möchte die Erfahrung nicht missen. Erst in meinen Seniorenjahren wechselte ich dann zum "Flying Dutchman" und erfuhr dabei, wie man Wind nicht nur in Pein und Schmerz, sondern in Speed umsetzt. Wir hatten mit diesem Boot viele berauschende Wellenritte und unvergessliche Stunden am Trapez. Gewissermassen parallel dazu hatte ich mit 30 Jahren meinen Hochseeschein gemacht. Die Dickschiffe waren mir jedoch in jenen Jahren vergleichend mit den Jollen zu behäbig und ich hob mir dieses Vergnügen auf als Altmännersport. Trotzdem ging ich jedes Jahr zur See auf einen Törn und absolvierte jeden Winter irgendwelche Zusatzausbildungen, sodass ich heute als breit gebildeter und auch ziemlich erfahrener Skipper hoffe, den Erfordernissen zu genügen. Mit 50 gönnte ich mir eine eigene Jacht und zwar eine stolze Hallberg-Rassy 46 in der festen Absicht mit der Unterstützung meiner jetzigen Frau damit um die Welt zu segeln. Wir haben mit dem Schiff in den ersten 6 Jahren in ausgedehnten Törns in allen europäischen Revieren etwa 15 000 Seemeilen hinter uns gebracht. Jetzt ist es Zeit für die ganz grosse Fahrt, eine mehrjährige Weltumsegelung.

Nachtrag 2016/17:

In 10 Segeljahren haben wir ca 70 000 Seemeilen zurückgelegt und haben hiermit die Erdkugel distanzmässig bereits 3 mal umrundet ! Dies obwohl wir erst die halbe Welt gesehen haben, eine Folge der vielen Umwege und Exkurse, die aber ein solches Unternehmen unseres Erachtens erst rechtfertigen. Die Kunst des tiefgründigen Erlebens liegt eben in der Langsamkeit. Des weiteren hat uns sehr überrascht, dass über 70% dieser Seemeilen wirklich versegelt wurden, also nur 30% unter Motor getuckert. Bei vielen Seglerkollegen ist dieses Verhältnis eher umgekehrt. Zwar entspricht es meinem Ehrgeiz, stets an Motormeilen zu sparen, aber Flautenschleicherei ist uns beiden ein Gräuel. Dieses Resultat ist vielmehr ebenfalls ein Ergebnis der Musse und Geduld, die uns oft auf das genau richtige Wetter zu warten gestattet, während andere Crews halt Termine einhalten müssen. Solche Sachzwänge erhöhen nicht nur den Motoranteil an Meilen, sondern auch die Risiken auf See.

Wir sind jetzt genau 10 Jahre auf dem Meer und haben unglaublich viel erleben dürfen auf unserer geliebten "Dreamtime". Nie haben wir den Entscheid bereut uns ganz dem Leben auf einem Segelboot zu widmen, vor allem die Erlebnisse der vergangenen 6 Jahre in der Südsee werden uns bis ans Lebensende begleiten. Wir kennen fast jede Ecke und es ist inzwischen eine gewisse Sättigung eingetreten. Während sich schon seit Jahren das Bedürfnis bildete lieber hier im Seglerparadies zu bleiben als weiter zu ziehen, hat sich nun die Erkenntnis gebildet, dass wir allmählich das Schiff verkaufen werden um uns wieder in der Schweiz auf ein Leben an  Land einzustellen. Wir sind zwar der Seglerei noch nicht wirklich überdrüssig, aber genau jetzt ist der richtige Moment damit aufzuhören und all die reichen Erinnerungen und das befriedigte Gefühl im Herzen mitzunehmen

 

Claudia Russi Fischer (Coskipperin) über sich:

Berufliches und Persönliches ....

geboren 1958 in  Luzern und aufgewachsen in Bern, blieb ich gegen Ende meiner Weiterbildung zur Anaesthesieärztin in der Region Zürich hängen. Mein Beruf war mir immer sehr wichtig. Das geduldige Ausharren bei der Ueberwachung einer langen Narkose einerseits und die hektischen Notfalleinsätze beim Schwerverletzten in  Notaufnahme/Ambulanz/REGA-Helikopter andrerseits ergeben ein äusserst interessantes Arbeitsumfeld. Schon zu Beginn meiner Zeit als Oberärztin im Kantonsspital Winterthur traf mich eine erste von vielen  "Reorganisationswellen" wie eine ruppige Nordseewelle: Im Namen der Reorganisation, der Optimierung der Abläufe und der Qualitätskontrolle mussten plötzlich ein Wust neuer Formulare ausgefüllt, eine Flut von Daten in ständig abstürzende Computer eingegeben und allerlei Arbeitsgruppensitzungen besucht werden. Administrative Aufgaben absorbierten einen immer grösseren Anteil des Personals, immer weniger Leute waren für unsere Kernaufgabe - die Patientenbetreuung - verfügbar. 2001 bekam ich die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit einem plastischen Chirurgen aus Lugano in die freie Praxis zu wechseln. Ich habe diese Entscheidung nie bereut und pendelte  danach zwischen meinem damaligen Wohnort im Zürcher Oberland und meinem Arbeitsort in der Südschweiz.

Seglerisches ...

 als Tochter eines passionierten Reiters hatte ich während meiner ersten 30 Lebensjahre keine grosse Affinität zum Wassersport. Vaters Pferd und später - während meiner ersten Ehe - schwere Motorräder waren meine bevorzugten "Sportgeräte". Durch Jörg entdeckte ich , dass mir Segeln Spass macht. Vor gut 10 Jahren machte ich den Hochseeschein und etwas später den Kurs in Astronavigation. Navigiert wird an Bord der Dreamtime allerdings nicht nach den Sternen, sondern mit meinem Lieblingsspielzeug, dem elektronischen Kartenplotter. Zum Regattieren fehlen mir Ehrgeiz und das richtige Gespür für einen optimalen Segeltrimm. Die Schiffselektronik ist zu einem guten Teil meine Domäne - als Anaesthesistin bin ich mir den Umgang mit Monitoren ja gewohnt.

Nachdem wir uns erstmals 7 Jahre lang auf dreimonatige Sommertörns beschränkt haben, sind wir seit April 2007 ganz auf unser Schiff gezogen. Seither hat sich mein Leben enorm verändert: Jörg und ich verbringen viel Zeit auf relativ engem Raum miteinander und haben nun ganz andere Aufgaben zu erfüllen als in unserem alten Leben. Dies bringt oft einige Mühsal mit sich und es kommt schon vor, dass man seine Entscheidung hinterfragt. Meistens aber sind wir mehr als zufrieden, den Sprung gewagt zu haben. Wer ausser uns hat schon die Möglichkeit, seine Umgebung zu wechseln, wenn man wieder von seinem Cockpit aus eine andere Aussicht  haben möchte.